Meinung: Die Trinkpausen sind mehr als nur ein Ärgernis – sie verzerren den Wettbewerb
Die Trinkpausen bei der WM werden von der Fifa als Segen verkauft. Doch die Auszeiten verändern den Charakter des Spiels. Und rauben dem Fußball einen Teil seiner Faszination.Manuel Neuer hatte keinen Durst. Im Spiel gegen die Elfenbeinküste nutzte er die erste Trinkpause, auch Cooling Break genannt, um sich aufzuwärmen. Am Spielfeldrand ließ er sich vom Torwarttrainer ein paar Bälle um die Ohren schießen. Zuvor war Neuer nicht besonders ins Schwitzen geraten. Das lag zum einen daran, dass er bis dahin keinen Torschuss hatte abwehren müssen. Zum anderen am milden kanadischen Sommerwetter. Angenehme 21 Grad waren es in Toronto. Keine Temperatur, bei der man als Profifußballer nach 22 Spielminuten dringend eine Erfrischung bräuchte.Auch beim ersten deutschen Gruppenspiel gegen Curaçao war eine Hitzeschlacht ausgeblieben. Unterm geschlossenen Dach war nichts zu spüren gewesen von der drückenden Gewitterluft, die über Houston lag. Im Land der Klimaanlagen kühlen sie selbst Arenen herunter. Stadiontemperatur in Texas: 22 Grad. Schwer vorstellbar, dass die Spieler nach Wasser lechzten. Trotzdem gab es nach 22 Minuten die erste Trinkpause.Bei den beiden bisherigen Auftritten der deutschen Nationalmannschaft war zu beobachten, dass die größte Neuerung der WM in Nordamerika weniger Einfluss auf den Flüssigkeitshaushalt der Fußballer hat als auf das Spiel selbst. Statt Profis, die flaschenweise Wasser hinunterstürzten, sah man taktische Kurzschulungen am Spielfeldrand.Die Fifa greift in die Partien einAls das DFB-Team nach dem Ausgleich von Curaçao ins Wanken geraten war, nutzte Bundestrainer Julian Nagelsmann die Trinkpause, um seine Abwehr zu ordnen. Danach trat die Mannschaft wieder stabiler auf. Der Effekt, den der Treffer des Außenseiters für einen Augenblick entfaltet hatte, war verpufft.Nachdem Deniz Undav in der zweiten Halbzeit gegen die Elfenbeinküste den Ausgleich erzielt hatte, schien die deutsche Mannschaft kurz davor zu sein, das Spiel zu drehen. Dann folgte die zweite Trinkpause. Die drei Minuten brachen den deutschen Rhythmus. Die Ivorer sortierten sich. Und das DFB-Team brauchte bis zur Nachspielzeit, um die Partie zu entscheiden.Fußball ist ein Spiel, das zu guten Teilen in den Köpfen der Protagonisten stattfindet. Mannschaften können sich an sich selbst berauschen. Eine gelungene Aktion bedingt die nächste, es entsteht ein Sog, der sich selbst verstärkt. In der Branche sprechen sie dann von einem Momentum. Dieses Phänomen macht einen nicht geringeren Teil der Faszination aus. Die Fifa ist gerade dabei, sie dem Fußball zu rauben.Pfiffe während der TrinkpausenDer Verband greift mit der neuen Regel in die Partien ein. Er nimmt manchen Teams den Rhythmus und schenkt anderen die Chance, sich neu auf den Gegner einzustellen. Die Trinkpausen sind damit mehr als nur ein Ärgernis – sie verzerren den Wettbewerb. Sie machen aus dem Fußball einen Sport der vier Viertel. Es passt zum Größenwahn der Fifa und ihrer Funktionäre, dass sie sich anmaßen, den Charakter des Spiels in einer solchen Weise zu verändern.In den WM-Stadien ist längst zu hören, was die Fans von der Reform halten. Beim DFB-Spiel in Toronto begleiteten die Anhänger beide Trinkpausen minutenlang mit Pfiffen. Und auch unter den Profis regt sich erste Kritik.Aus Sicht von Virgil van Dijk, Kapitän der Niederlande, brauche es Trinkpausen nur bei extremer Hitze, die im nordamerikanischen Sommer durchaus vorkommt. Bei mildem Wetter aber mache die Maßnahme keinen Sinn. Der Verband solle deshalb bei jedem Spiel neu bewerten, ob die zusätzliche Auszeit angebracht sei, forderte van Dijk.Die Fifa lehnt ein solches Vorgehen ab. Die Trinkpausen müssten bei jeder Partie abgehalten werden, damit für alle Mannschaften die gleichen Bedingungen gelten.Der Verband und seine dreisten VorwändeDie Erklärung erstaunt. Wenn es dem Verband tatsächlich um möglichst gleiche Bedingungen gehen würde, hätte er die WM nicht über drei Länder mit unterschiedlichen Klimazonen verteilt. Und dann würde er auch nicht zulassen, dass das iranische Nationalteam unmittelbar nach jedem Spiel die USA verlassen und ins Basislager im mexikanischen Tijuana zurückkehren muss. Ein klarer Nachteil für den Iran, offenkundig von der Fifa toleriert.Worum also geht es dem Verband, wenn nicht um identische Bedingungen für alle?Fifa-Chef Gianni Infantino hat sich gerade an einer erneuten Verteidigung der Trinkpausen versucht. Die Unterbrechungen könnten, so waren seine Ausführungen zu verstehen, die Qualität des Spiels steigern, da sie Anpassungen ermöglichten. „Vielleicht kann der Trainer bestimmte Situationen neu bewerten und bestimmte Fehler korrigieren“, sagte Infantino.Man fragt sich: Was sollen diese drei Minuten denn nun sein? Eine Trink- oder eine Taktikpause?Es braucht nicht besonders viel Fantasie, um auf den Gedanken zu kommen, dass es dem Verband bei den neuen Pausen in erster Linie gar nicht um das gesundheitliche Wohl der Spieler geht. Und auch nicht darum, die Trainer mit noch mehr Möglichkeiten der Einflussnahme auszustatten. Es wäre weniger dreist, würde der Verband nicht einen Vorwand nach dem nächsten für die neuen Pausen konstruieren, sondern sie den Fans einfach als das verkaufen, was sie sind: eine Verkaufsmaßnahme.Die Fifa versteht sich als Vermarkter des Fußballs. Mehr Pausen bedeuten mehr Einnahmen. Die Fernsehzuschauer sehen in den meisten Ländern nicht, dass sich Manuel Neuer während der sogenannten Cooling Break warmschießen lässt. Sie sehen Werbung.
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