Trump, Zinsen, Echtzeit: Darauf kommt es für Treasurer 2026 an
Treasurer sind in diesem Jahr an so vielen Fronten wie nie gefordert. Es empfiehlt sich, in Szenarien zu denken.
Ein ruhiger Start ins neue Jahr sieht sicher anders aus: Der gewaltsame Sturz des venezolanischen Autokraten Nicolás Maduro durch die USA am 3. Januar zeigt eindrücklich, dass 2026 weiter mit allem zu rechnen ist – ganz besonders im Bereich der Geopolitik. Damit schließt das neue Jahr fast nahtlos an das alte an, das durch die teils erratische Zollpolitik der USA und allerlei geopolitische Wendungen geprägt war.
Mit Blick auf die Finanz- und Kapitalmärkte mag die überraschende US-Militäraktion – abgesehen von leichten Ausschlägen bei Rohstoffpreisen – keine unmittelbare Bedrohung für deutsche Unternehmen sein. Indirekt wirft sie aber viele beunruhigende Fragen auf: Was passiert zum Beispiel, wenn die USA als Nächstes in Grönland – oder alternativ China in Taiwan – einmarschieren? Trump hat jüngst auch dem Mullah-Regime im Iran gedroht. Fest steht: Überraschende militärische Interventionen sind nicht länger auszuschließen, darauf müssen sich Unternehmen und ihre Treasury-Abteilungen einstellen.
Geopolitische Risiken lauern überall
Treasurer tun daher auch 2026 gut daran, die weltpolitische Lage aufmerksam zu verfolgen und möglichst stark in Szenarien zu denken. „Die Volatilität von vielen Rahmenparametern wird sehr hoch bleiben. Dies betrifft die Geopolitik genauso wie mögliche Zins- und Marktschwankungen aufgrund von Verlautbarungen aus dem Weißen Haus“, sagt Ulrich Zwanzger, der bei Union Investment für institutionelle Großkunden zuständig ist.
„Die Volatilität wird sehr hoch bleiben.“
Ulrich Zwanzger, Union Investment
Immerhin: Die Verwerfungen rund um die US-Zollpolitik scheinen sich zuletzt etwas gelegt zu haben. Andreas Rees, Chefvolkswirt Deutschland der Hypovereinsbank, gibt sich dennoch keinen Illusionen hin: „Washingtons Protektionismus ist keine vorübergehende Taktik, sondern eine nachhaltige Strategie.“ So würden höhere US-Zölle von Trump als Mehrzweckinstrument gesehen, um die heimische Industrie zu fördern, Handelsdefizite zu verringern und Druck auf China und Europa auszuüben. „Unserer Ansicht nach wird die Unsicherheit in der globalen Handelspolitik hoch bleiben, obwohl ihr Höhepunkt überschritten sein dürfte“, so Rees.
Fed-Unabhängigkeit in Gefahr
Auch geldpolitisch stehen die USA 2026 im Fokus: Im Mai endet nämlich die Amtszeit von Fed-Chef Jerome Powell. Wer ihm nachfolgt, ist noch offen. Die Entscheidung darüber obliegt US-Präsident Trump, der seinen Kandidaten wohl noch im Januar bekanntgeben wird. „Donald Trump wird weiter versuchen, die US-Notenbank Fed mehrheitlich mit Loyalisten zu besetzen, auch über die reguläre Nachfolge von Jerome Powell hinaus“, sagt Zwanzger vom Vermögensverwalter Union Investment.
Falls dies gelänge, würden die US-Dollar-Kurzfristzinsen schneller und deutlicher fallen, als es fundamental geboten wäre. „Gleichzeitig würde das Vertrauen in die Unabhängigkeit der Fed weiter abnehmen, was das lange Ende der Zinskurve weiter steigen lassen würde“, glaubt Zwanzger. Treasurer, deren Unternehmen in den USA finanzieren und/oder US-Dollar-Wechselkursrisiken ausgesetzt sind, sollten also auf der Hut sein.
EZB: ein ruhiges Jahr für die Euro-Währungshüter?
Abzuwarten bleibt auch, wohin die geldpolitische Reise im Euro-Raum 2026 geht – mit großen Bewegungen beim Leitzins, der aktuell 2 Prozent beträgt, ist Stand heute allerdings nicht zu rechnen. Bei der Frage, ob der Trend aber eher nach unten oder oben geht, sind sich die Experten uneins: „Bei gleichbleibend niedriger Inflation, die bereits Ende 2025 im Zielkorridor der EZB angekommen ist, wird die EZB ihre Zinsentscheidungen tendenziell eher in Richtung einer moderaten Anhebung ausrichten“, glaubt Carl E. Hoestermann, Geschäftsführer beim Kredit- und Kautionsmakler Gracher. Martin Trilling, Senior Client Executive bei der SEB im DACH-Raum, erwartet für 2026 stabile bis leicht sinkenden Zinsen: „Im Laufe des Jahres könnten daher Zinsabsicherungen attraktiver werden.“
Mit keinerlei Zinsschritten im Euro-Raum rechnet derweil Ulrich Zwanziger. Allerdings könnte die Zinskurve im Jahresverlauf noch etwas steiler werden. „Das lange Ende, sprich die Rendite für zehnjährige Bundesanleihen, wird leicht auf rund 3,0 Prozent ansteigen.“
Kreditmarkt: Konjunktur und Basel IV im Fokus
So uneinheitlich die Zinsprognosen, so einig sind sich die Experten bezüglich der Frage, wie Treasurer mit (Re-)Finanzierungsbedarf im Jahr 2026 vorgehen sollten: möglichst zielstrebig. „Treasurer stehen vor der Aufgabe, sich bietende Finanzierungsfenster konsequent zu nutzen, da sie sonst sehr leicht ohne die erforderliche Finanzierung dastehen (könnten)“, sagt Hoestermann, ehemals selbst Corporate-Finance-Chef vom Baukonzern Hochtief. So drohe sich etwa im Falle ähnlich hoher Insolvenzquoten wie 2025 die Bereitschaft von Banken zur Kreditvergabe zu verschlechtern. Tendenziell sei zudem eher mit einem moderaten Anstieg der Finanzierungskosten zu rechnen, was nicht zuletzt auf die höheren Kapitalanforderungen für Banken im Zuge von Basel IV zurückzuführen sei.
Im Übernahmekrimi um die Commerzbank durch Unicredit bleibt es 2026 ebenfalls spannend. Deshalb sind Treasurer gut beraten, auch hier auf dem Laufen zu bleiben. Wie stark die Kreditverflechtungen der beiden Häuser im hiesigen Firmenkundengeschäft sind, offenbart eine kürzlich erschienene Analyse des Beratungshauses Fox Corporate Finance (FCF), über die DerTreasurer und FINANCE exklusiv berichtet haben. Die Tendenz geht bei vielen Unternehmen zur Diversifizierung der Finanzierung, um im Falle einer Fusion kein Klumpenrisiko zu haben.
„Es könnten Limite für bestimmte Branchen erreicht werden.“
Markus Schröder, MUFG
Nach Einschätzung von Markus Schröder, Head of Structured Finance Office for EMEA, Germany bei MUFG, sollten Treasurer bei ihrer Finanzierungsstrategie nicht nur die Lage des eigenen Hauses im Blick haben, sondern die ihres gesamten Sektors: „Gerade wenn es Boomphasen in einer Branche gibt, ist das für Banken bei der Entscheidung über Finanzierungszusagen sehr relevant. Es könnten unter Umständen Limite für bestimmte Branchen erreicht werden.“
Viel Action am Anleihemarkt erwartet
Am europäischen Anleihemarkt dürfte 2026 erneut reges Treiben herrschen – trotz der anhaltenden konjunkturellen und politischen Risiken. „Viele Anleihen aus der Niedrigzinsphase stehen für eine Refinanzierung an, sodass mit einer hohen Emissionstätigkeit zu rechnen ist“, erklärt SEB-Banker Trilling. Sein Kollege Rainer Wagner, Head of DCM Bonds, rechnet außerdem damit, dass die Finanzierung der Energiewende zu einem „signifikanten Anstieg“ von Anleihen der Energieversorger führen wird und US-Emittenten den europäischen Markt wie bereits 2025 stark in Anspruch nehmen werden: „Dieser Trend wird sich aufgrund des Investitionsbedarfs im KI-Sektor sowie der relativen Attraktivität des Euro-Zinsniveaus im Vergleich zum US-Dollar auch 2026 signifikant fortsetzen“, glaubt Wagner.
Ob die 2025 sehr attraktiven Konditionen an den Bondmärkten erhalten bleiben, hänge nicht zuletzt davon ab, wie sich die geopolitischen Risiken entwickeln. Grundsätzlich sollten sich laut Trilling Unternehmen mit starker Bonität und Kapitalmarktzugang weiterhin zu sehr attraktiven Konditionen finanzieren können.
Echtzeit-Treasury im Kommen
Neben der Finanzierung dürfte 2026 vielerorts ganz im Zeichen weiterer Treasury-Kerntugenden stehen. Maik Evers, Senior Project Manager bei Horváth, beobachtet aktuell etwa einen verstärkten Fokus im Bereich der Tagesfinanzdisposition und Liquiditätsplanung. „Hintergrund zum einen der intensivierte unternehmerische Blick auf Cash-relevante KPIs, zum anderen halten moderne Technologien wie Robotic Process Automation oder KI Einzug in die unterschiedlichen Planungshorizonte.“ Immer wichtiger wird dabei die Fähigkeit, die Cash-Bewegungen live verfolgen zu können. „Echtzeitfähigkeit rund um die Uhr gewinnt zunehmend an Bedeutung, insbesondere bei großen Mittelständlern und multinationalen Unternehmen“, erklärt Marco Iannaccone, Head of Client Solutions bei der Hypovereinsbank.
„Echtzeitfähigkeit rund um die Uhr gewinnt zunehmend an Bedeutung.“
Marco Iannaccone, Hypovereinsbank
Auch im Bereich Zahlungsverkehr schreitet der technische Fortschritt dynamisch voran: „Weiter im Trend werden die Automatisierung von Zahlungen sowie (API-)Integration, Echtzeittransparenz und Liquiditätsoptimierung liegen, auch durch die Nutzung virtueller Konten und smarter Kartenlösungen sowie Cloud-basierte Services mit besonderem Augenmerk auf Cybersecurity und Compliance“, sagt Christian Daberkow, Senior Advisor Cash Management bei der SEB. Des Weiteren rechnet er damit, dass die Iso-20022-Formate eine zunehmend dominierende Rolle spielen und bestehende Formate mittelfristig verdrängen werden.
Es scheint, als würden – nach Jahren geprägt von einzelnen Leuchtturmprojekten und Pilotinitiativen – Innovationen nun auf breiter Front Einzug ins Treasury halten. „Treasurer werden mehr denn je zu strategischen Gestaltern: Sie müssen Technologien von KI bis modularen Plattformen nutzen, um Echtzeittransparenz, Automatisierung und Sicherheit zu gewährleisten“, fasst Iannaccone zusammen.
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